Warum deine Zielgruppe wichtiger ist als du denkst
Schreibst du für alle – oder am Ende für niemanden? Diese Frage klingt im ersten Moment vielleicht ein wenig verwirrend. Tatsächlich entscheidet sie darüber, ob dein Text jemanden berührt oder ob er versandet. Denn ob sich jemand von einem Text angesprochen fühlt, hängt erstaunlicherweise weniger von schönen Formulierungen ab als davon, mit wie vielen Menschen im Hinterkopf du ihn geschrieben hast.
Was meine ich damit?
Viele Texte entstehen mit dem Wunsch, möglichst viele zu erreichen. Wenn man unerfahrene Autoren nach ihrer Zielgruppe fragt, werden viele mit einem unsicheren „möglichst viele?“ antworten. Also wird alles ein bisschen berücksichtigt: unterschiedliche Lebenslagen und Interessen, verschiedene Wissensstände. Man formuliert vorsichtig, erklärt hier noch etwas mehr, relativiert dort ein wenig – nur um sicherzugehen, dass sich ja niemand ausgeschlossen fühlt. Der Text, der am Ende herauskommt, streift vieles, ist aber vermutlich wenig greifbar (so hübsch formuliert er auch sein mag). Und deshalb wird er kaum jemanden wirklich abholen.
Was ist also die Lösung?
Die Lösung ist das Erfinden einer Zielgruppenpersona. Sobald du dir nämlich eine ganz bestimmte Person vorstellst, verändert sich dein Schreiben spürbar. Du denkst nicht mehr an eine diffuse „Zielgruppe“, sondern an jemanden mit Gesicht, Alltag und Eigenheiten. An eine Person mit konkreten Problemen und Fragen, Unsicherheiten oder bestimmten Erwartungen. Und je genauer dieses Bild wird, desto leichter fallen dir beim Schreiben Entscheidungen wie: Wofür interessiert sich die Person, was möchte sie lesen? Was ist wirklich relevant? Welche Information musst du unbedingt noch einbauen und welche kannst du guten Gewissens weglassen?
Es lohnt sich, diese Persona so sorgfältig wie möglich zu skizzieren. Wie alt ist sie? Was arbeitet sie? Wie sieht ihr Tagesablauf und ihr Umfeld aus? Welche Themen beschäftigen sie gerade besonders? Hat sie eine besondere Sprechweise? Bestimmte Schwächen? Vielleicht schreibst du für eine junge Mutter, die zwischen Familienorganisation und eigenen Projekten nur kurze Zeitfenster zum Lesen hat und sich deshalb einen nicht zu anspruchsvollen, kurzweiligen Text lesen wünscht, mit dem sie dem Alltag für einen Moment entfliehen kann. Vielleicht richtest du deinen Ratgeber an einen Abteilungsleiter, der Orientierung sucht und Argumente braucht, die er im nächsten Meeting einsetzen kann. Vielleicht schreibst du einen Reiseführer für einen reiselustigen Vanlifer, der mit seinem Hund unterwegs ist und praktische Tipps zu Stellplätzen und Ausrüstung erwartet.
Je klarer dieses innere Bild ist, desto konsequenter wird auch dein Text. Du prüfst automatisch, ob ein Absatz deiner Persona wirklich weiterhilft oder ob er nur dein Bedürfnis nach Vollständigkeit befriedigt. Das gilt unabhängig vom Genre: Ob Roman, Blogartikel, Ratgeber oder Reiseführer – ein konkretes Gegenüber macht das Schreiben zielgerichteter, weil jeder Gedanke einen klaren Adressaten hat.
Wobei hilft eine Zielgruppenpersona?
Eine Zielgruppenpersona hilft dir, Themen einzugrenzen, Schwerpunkte zu setzen und dich nicht in Nebensächlichkeiten zu verlieren. Wenn du weißt, welche Fragen deine Persona umtreiben, kannst du Beispiele wählen, die in ihrem Alltag vorkommen, und Argumente so aufbauen, dass sie logisch daran anknüpfen. Der Text bekommt ganz natürlich einen roten Faden, der sich aus der Perspektive dieser Person entwickelt.
Auch der Ton ergibt sich auf diese Weise: Die Wortwahl, die Länge der Sätze, die Menge an Fachterminologie oder die Tiefe der Erläuterungen ergeben sich daraus, wie dein Gegenüber denkt und spricht. Fachleute erwarten eine andere Ansprache als Einsteiger, denen man mehr erklären und für die man Begriffe einordnen muss. Wenn du deine Zielgruppe kennst, nimmt dir das den Druck, diese Entscheidungen jedes Mal neu selbst zu treffen, denn sie folgen der inneren Logik deiner Persona.
Weniger ist mehr: Eine kleine Zielgruppe bedeutet mehr Reichweite!
Interessanterweise schränkt diese Fokussierung deine Reichweite nicht ein. Im Gegenteil: Gerade weil du so konkret wirst, fühlen sich darüber auch andere angesprochen, selbst wenn sie nicht exakt deiner definierten Persona entsprechen. Ein Text mit enger Perspektive ist konkreter, was wiederum anschaulicher und lebendiger ist als allgemeine Plattitüden. Genau darüber bauen Leser Verbindung auf.
Es lohnt sich also, noch vor dem ersten Satz kurz innezuhalten und dir deine ganz spezielle Zielgruppenpersona vorzustellen. Gib ihr ein Gesicht, eine Stimme und einen Alltag. Und dann schreibe für genau diese Person. Du wirst merken, wie viel klarer, strukturierter und überzeugender dein Text dadurch wird – und wie viel mehr Menschen sich am Ende trotzdem mitgemeint fühlen.

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